
Gilliam behandelt in seinem neusten Werk, wie ihm seine eigene Sterblichkeit bewusst wurde, ebenso wie die ihn stets ereilenden Produktionsschwierigkeiten und sein sinkender Stern am Kinofirmament. Die Zeiten, in denen Gilliam von anspruchsvollen Kinofans und Filmkritikern gefeiert wurde und man seine fantastischen Ideen aufsaugte, sind längst vergangen und jüngere Filme wie Brothers Grimm oder der passionierte Tideland wurden rüde abgescholten. Unter diesen Eindrücken schuf Gilliam die emotionale und mit originellen Ideen gespickte Geschichte des mehrere Jahrhunderte alten Doktor Parnassus (Christopher Plummer), einem weisen Geschichztenerzähler, der zusammen mit seinem treusten Freund Percy (Verne Troyer) vor langer Zeit die Menschen scharenweise um sich sammelte und auf abenteuerliche, erstaunliche Reisen durch seinen Geist mitnahm, in der heutigen Zeit jedoch als alter Sack in einer als Freakshow verschrieenen Fahrattraktion am Rande der Gesellschaft lebt. Niemand möchte sich mehr mitreißen lassen, die verklärte moderne Gesellschaft hat keine Zeit mehr für Träume und ausschweifende Abstecher in andersartige Welten.
Auch Parnassus' Tochter Valentina (Lily Cole) hat, bei all ihrer Liebe zu ihrem Vater, manche Probleme mit dem Leben als Schaustellerin eines "Imaginariums" und spielt gelegentlich mit dem Gedanken auszubrechen und ein normales, bürgerliches Leben zu beginnen. Dies kommt dem jungen Anton (Andrew Garfield), der ein Auge auf das Doktors Kleinod geworfen hat, nur recht. Zu seinem Leidwesen liest die Zaubertruppe eines Nachts einen mysteriösen Namenlosen (Heath Ledger) auf, der sein Gedächtnis verlor und in dem Parnassus die Rettung für seine Show und seine Tochter sieht, die Gegenstand eines dunklen Pakts zwischen Parnassus und Mr. Nick (Tom Waits) ist.

Mit dieser "Fehlrezeption" kann man allerdings noch gut leben. Wesentlich ärgerlicher finde ich, wie garantiert es ist, dass einige weibliche Zuschauer den Film nicht aus den Gründen liebschätzen werden, die ihm gebühren. Hey, Johnny Depp, Heath Leder, Colin Farrell und Jude Law in ein und der selben Rolle? Willkommen in Sabberhausen...
Schon im Kino hörte ich die schmachtenden, ja sogar lüsternen Kommentare, und wenn es nach dem Kinobessuch heißt, dass der Streifen "suspekt" war und sofort die Diskussion beginnt, welcher der vier wandelnden Frauenträume heißer aussah, dann zeichnet sich der Ruf des Films als Nährboden erotischer Fantasien sehr schnell ab. Wirklich, meine Damen, muss das sein? Sonst keine Qualitäten entdeckt?
Dabei gibt es doch so viele. Vor allem sind sie verhältnismäßig zugänglich. Natürlich ist Terry Gilliam weiterhin kein Mainstream-Filmer, jedoch ist Das Kabinett des Doktor Parnassus weniger verschlossen als Gilliams Vorgängerwerk Tideland, einem ähnlich persönlichen und ambitioniertem Projekt, welches, obgleich es meiner Beobachtung nach weniger tiefschürfend als Parnassus ist, die Brücken zum Publikum radikaler abfackelt und einen größeren Verständniswillen der Zuschauer verlangt. Ein Film für jedermann ist bei Das Kabinett des Doktor Parnassus nicht zu erwarten, allerdings geht Gilliam fairer mit seinem Publikum um und gibt ihm genug Chancen, sich auf diesen anspruchsvollen und psychadelischen Trip einzulassen. Wenn weniger Zuschauer Gefallen daran finden, als an Brazil, 12 Monkeys oder Fear and Loathing in Las Vegas, ist dies mehr seinem melancholisch-deprimierten Grundtenor (der im Kontrast zum energischen Feuerwerk an Einfällen in den Fantasieweltsequenzen steht) und der Fülle an Motiven zu verschulden, als der filmischen Umsetzung oder der ungesunden Selbstverliebtheit, die Tideland für viele schwer verdaulich machte. Die zahlreichen Themen von Doktor Parnassus sind nunmal kein Stoff für einen abgedrehten Kultfilm, den man schnell einlegen kann - aber das will Gilliam auch gar nicht abliefern. Das Kabinett von Doktor Parnassus ist sein bislang anspruchvollster, tiefgreifendster Film und zugleich ein sehr schön anzuschauendes Werk mit einvernehmenden schauspielerischen Leistungen, die die Emotionalität, den Intellekt und die verborgene Schönheit Gilliams Kopfgeburt bündeln und mühelos zum Leinwandleben erwecken, so dass sich die von Gilliam intendierte Wirkung systematisch für den geneigten Zuschauer entfalten kann, vollkommen unabhängig davon, wieviel Denkarbeit er zu leisten gewillt ist. Das Kabinett von Doktor Parnassus funktioniert tadellos als Interpretationsobjekt und gleichermaßen als überwältigendes Beispiel für die menschliche Vorstllungskraft.

Der mysteriöse Neuankömmling des reisenden Kabinetts muss sich den Fokus des Films allerdings mit der Titelfigur teilen, die von Christopher Plummer dramatisch ins Nirgendwo zwischen altersbedingter Lethargie, Resignation und Weltfremde anlegt und trotz, oder gerade wegen, ihrer geminderten Aktivität die wehmütige Stimmung des Films entscheidend prägt.
Ihm gegenüber steht der Sänger Tom Waits, der eine vorzügliche, charismatisch-durchtriebene Inkarnation des Teufel abgibt. Die von Waits und Gilliam gewählte Interpretation des verkörperten Bösen als aalglatter, einen kühlen Kopf bewahrenden Spieler in feinem Anzug und Melone ist einleuchtend simpel und gerade deswegen überraschend und prägnant, man kann einfach nicht genug haben von Waits ergötzlicher Arglist.
Die größte Überraschung des Films ist aber die Leistung Lily Coles. Das eine unschuldige Zerbrechlichkeit ausstrahlende Model mit herzförmigen Gesicht ist wie geschaffen für Filme solcher verschrobener, düster-sentimentalen Träumer wie Terry Gilliam oder Tim Burton. Cole hat diesen gewissen, unantastbaren "Nicht von dieser Welt"-Blick drauf, zugleich verwurzeln sie und Valentinas verständlicher Subplot Das Kabinett des Doktor Parnassus in der Realität. Mit feinfühliger Mimik und zartem Ausdruck gibt sie einen für Ledgers und Andrew Garfields Rolle verführerischen Quell der Unschuld, der seinen Platz in der Geschichte dieses Universums zu finden versucht.
Zwischen den Darstellern und der Regie von Terry Gilliam besteht ein ständiges, funktionierendes Geben und Nehmen. Ohne die ansprechenden Leistungen der Schauspieler wäre Das Kabinett des Doktor Parnassus zweifelsohne nicht so zugänglich und mitreißend, doch wäre der Regisseur Gilliam nicht fähig, das mit Motiven und Einfällen überladene Skript des Autors Gilliam (sowie seines Drehbuchpartners Charles McKeown) für den Zuschauer fassbar umzusetzen und aus der persönlichen Erzählung mit eindrucksvollen Fantasiebildern einen extrovertierten Film mit gefühlvollem Intellekt zu gestalten (statt einen weiteren abgedrehten Film mit introvertierter Geisteshaltung zu veröffentlichen), ließe das gelungene Schauspiel erneut große Teile des Publikums kalt.

Bei seiner Motivfülle kann Das Kabinett des Doktor Parnassus die angerissenen Thematiken nie gänzlich abhandeln, Terry Gilliam beschränkt sich auf einen sehr assoziativen Marsch quer durch seine Gedankengänge, dem Trip durch den Zauberspiegel der klapprigen Bühne hinein in Parnassus Fantasiewelten gleich. Die Unsterblichkeit der Magie, die Macht der Vorstellungskraft und - was bei einem solch veranlagten Film durchaus zu Erstaunen vermag - die Existenzberechtigung des durchschnittlichen und irdischen werden ebenso sehr angerissen, wie das neckische, ewigwährende Spiel zwischen Gut und Böse, die geschichtliche Immanenz des Erzählvorgangs (welchem Gilliam auf sehr originelle Weise eine große Rolle in unserem Leben zuschreibt) oder auch die Auffassung von Moralvorstellungen. Obendrein ist Das Kabinett des Doktor Parnassus eine Parabel über Unschuld, Bauernschläue, Beredsamkeit und Verführung - der Verführung von Wetten, süßer Vorstellungen, verbotener Früchte und der süchtig machenden Imagination.
Möglicherweise mag man vor Sichtung des Films mehr imposante Fantasiesequenzen von irritierender Schönheit erwarten, als Terry Gilliam tatsächlich abliefert. Vor dem Hintergrund dessen, was Gilliam erzählt, ist die Dosis an verstörten, traumtänzerischen Reisen in die Fantasie jedoch genau richtig gewählt. Bekehren wird Terry Gilliam mit Das Kabinett des Doktor Parnassus wohl kaum jemanden, verlorene Jünger sollte er mit seinem jüngsten Gedankenkonstrukt dagegen durchaus wieder um sich versammeln können - ebenso, wie der brillant besetzte Film einige Neugierige anlocken könnte. Und solange sie sich nicht von der abgewrackten Front der Wunderkammer des Terry Gilliam abschrecken lassen und einen Schritt hineinwagen, werden sie mit einem unvergleichlichen Ereignis belohnt. Man muss sich nur unbesorgt verführen lassen.
3 Kommentare:
Siehst du, mit sowas machst du einem gleich gute Laune! Da kommt man ziemlich grantig aus der Uni, weil man gerade anderthalb Stunden seines Lebens vergeudet hat (und dabei hatte ich noch überlegt, ob ich der Pause flüchte. Mist!), und dann darf man lesen, dass dir Das Kabinett des Dr. Parnassus gefallen hat! :)
Ich hab jetzt nur den letzten Absatz gelesen (und das kurze Stück über sabbernde Fangirls), schließlich möchte ich nicht allzu beeinflusst in den Film gehen.
Und es ist so: Ich finde es jetzt schon wohltuend zu wissen, dass, wenn ich deine Review letzendlich lese, ich mich nicht durch massenweise Herzchen-Smileys und ellenlange "Er sah soooo guuuut aus!!!!!"-Ergüsse kämpfen muss. Soviel geballte "Sexiest Man Alive"-Power scheinen einige nicht verarbeiten zu können (was an den Reaktionen zum Trailer in diversen Foren gut zu erkennen war). Herr, wirf Hirn vom Himmel!
Tut mir leid für dich, dass du Zeuge solcher Auswüchse werden musstest. Es ist ja nix dagegen einzuwenden, wenn man mal einen Kommentar loslässt à la "Die sehen echt gut aus in dem Film!". Aber die allermeisten Filme haben mehr zu bieten, und ich tippe jetzt einfach mal drauf, dass es bei "Dr. Parnassus" interessantere Aspekte zu diskutieren gibt als das Aussehen der Herren Farrell, Depp usw.
Sorry. Hab mich wohl doch noch nicht genug von der Uni abgeregt. *g* Aber diese völlige Ignoranz gegenüber der schauspielerischen Leistung, die so viele Fans egal welches Schauspielers (dürfen die sich dann überhaupt Fans nennen?) an den Tag legen, regt mich schon unglaublich lange auf.
Aber du fandest den Film gut! JUHU! :)
Gestern gesehen und ich wurde enttäuscht. Ich hatte aufgrund des genialen Trailers wohl zu hohe Erwartungen an den Film gestellt, der sehr interessant, aber stellenweise leider doch unspannend und langatmig, umgesetzt wurde. Um ihn genau beurteilen zu können, muss ich den Film wohl noch ein zweites Mal sichten.
@ Sunshine: Mille grazie. Schön, dass ich irgendwie gegen Uni-Nervereien helfen kann (vergebens hingehen... das kenne ich ich...)
@ Mowgli: "Unspannend" und "langatmig" fand ich den Film wirklich nicht. Natürlich war er auch kein Vorzeigebeispiel für Spannung, aber mich hat die Kombination aus überschwenglicher Fantasie und traurig-verregneter Realität sowie der Ausgang der einzelnen Subplots genug mitgenommen, dass ich nicht gelangweilt wurde.
Dass ich nicht enttäuscht wurde könnte aber auch daran liegen, dass ich mich zwar auf den Film freute, ihn aber zuvor dennoch eher peripher verfolgte. Plötzlich lief er im Kino und ich erinnerte mich, dass ich ihn ja sehen wollte.
Obendrein musste ich mich in der Sekunde, in der die Neonleuchten der Disco zu sehen waren eh von meiner kompletten Vorabmeinung verabschieden: "Der Film spielt in der Gegenwart?! Waaaas?" :-D
Das war mein "Tabula Rasa"-Moment für diesen Film. *g*
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