Die Regeln, wer garantiert ins Finale einzieht wurden in der jüngeren Eurovisions-Vergangenheit stark abgeändert. Früher durften sich die Top Ten des Vorjahres freuen, mittlerweile sind es nur noch die vier größten Beitragszahler der veranstaltenden Rundfunkvereinigung EBU sowie der Vorjahressieger, der ja auch traditionsgemäß den Gastgeber spielt.
Ich für meinen Teil bleibe dabei, dass sich Frankreich, das Vereinigte Königreich, Spanien und Deutschland mit ihrer Arroganz keinen Gefallen tun. Ob durch garantierte Finalplätze oder herbeigeheulte Jurystimmen, weder ist es gesund für den Wettbewerb, noch lässt es uns im Ausland besonders sympathisch erscheinen. Dass die EBU das alles mitmacht ist dennoch kein Wunder, schließlich würde ohne die Zuschauer aus den "Big Four" ein großer Publikumsteil wegbrechen. Wie der Eurovision Song Contest ohne das Geld der schlechten Verlierer aussehen würde, mag ich mir gar nicht erst vorstellen...
Frankreich:
Et S'Il Fallait Le Faire. "Und wenn es getan werden musste" lautet die Übersetzung des diesjährigen Beitrags aus Frankreich, und wie nahezu jedes Jahr versteckt sich hinter diesem Titel ein bedächtig gehaltener Chanson. Jedes Jahr der selbe Schnulz? Nein, dieses Jahr nicht. Statt einer schlager'esken Liebeskitschballade schmettert Frankreich mit verruchtem Blick einen Chanson im Stile der 30er Jahre heraus. Niemand geringeres als Frankreichs Exportschlager Patricia Kaas gibt diese Hommage an Piaf und Dietrich zum Besten, und so kann ich zum ersten Mal seit langem sagen, dass mir Frankreichs Beitrag gefällt. Doch wie stehen die Jugendlichen Osteuropas zu diesem Lied? Wird man dort ebenso schwelgen wie hier? Wohl kaum. Und auch genug westeuropäische Jugendliche werden dieses schöne Lied als das "selbe Gesäusel wie letztes Mal" abtun. Schade.
Spanien:
Das von den Deutschen so geliebte Urlaubsland hat dieses Jahr recht gute Chancen zumindest einen respektablen Platz zu machen, sehr zum Leidwesen aller passionierten Meckerfritzen, die Westeuropa als Opfer abgebrühter, korrupter Osteuropäer sehen wollen.
Möglicherweise aber werden sie nach Spaniens Beitrag La Noche Es Para Mí (The Night Is For Me) Beweise gefunden haben, weshalb Spanien nicht zu Westeuropa, sondern zu Osteuropa zählt.
Sorayas Beitrag gefällt mir persönlich zwar nicht so sehr, doch ich habe es im Gespür, dass die rasant-starke Nummer beim Publikum ankommen wird. Auch wenn sich so mancher wundern wird, dass dieses Lied aus Spanien kommt. Solche Klänge erwartet man eher aus der Gegend rund um Griechenland und der Türkei.
Das Vereinigte Königreich:
Jade Ewen ist bereits die dritte große Dame, die für uns dauerversagenden "Big Four" in diesem Jahr antritt. Und nach französischem Retro-Chanson, südeuroäischem Ethno-Dancepop, was kann da wohl noch folgen? Genau, radiotaugliches, glattgebügeltes Britpop-Geheule, das jedem frohgemut vom Frühstückstisch ins Auto gestiegenen Menschen wieder den Tagesmut raubt. Zwar wird It's my Time in der Mitte um einiges energiereicher und optimistischer, aber wer seinen Wagen bis dahin nicht schon längst in den nächstgelegenen Fluss manövriert hat, wird aufgrund der Überdosis an viel zu hohen, soulig hingebluesten (oder bluesig hingesoulten?) Poptönen schnell den Sender wechseln.
Zum Glück jedoch ist dieses Lied ein Eurovisionssong, noch dazu eins der Big Four. Im Radio wird es mir also nie begegnen. Und jetzt dürft ihr euch dieses Lied anhören und mir in den Kommentaren sagen, wie herzlos ich doch sei, so ein rührend-motivierendes Lied in Grund und Boden reden kann.
Deutschland:
Meine Meinung zu Miss Kiss Kiss Bang habe ich ja bereits kundgetan, und seither hat sich im Grunde nichts daran geändert. Obwohl Alex Swings Oscar Sings seit der antiklimatischen NDR-Entscheidung standardgemäß von zahlreichen Deutschen kleingeredet und zerrissen wurde, finde ich unsere Eurovisionstitel ganz nett. Sicherlich nichts, für das ich in den Plattenladen rennen würde, doch darum geht's beim europäischen Liederwettbewerb auch nicht.
Besorgnis erregt in mir allerdings, dass das Duo bislang keinen Liveauftritt hingelegt hat. Zwar trat unsere Grand-Prix-Hoffnung schon in mehreren Sendungen auf, doch alle Auftritte waren bislang Vollplayback-Scharaden. Mut für's Finale macht das nicht gerade.
Und der angekündigte Strip von Dita von Teese wird uns auch nicht viel bringen. Die, wie ich finde, völlig unerotische Ex von Marilyn Manson wird eh nicht sehr viel Stoff verlieren. Wir sind ja schließlich noch immer beim ESC.
Krönung bleibt allerdings der Oprah-Auftritt unseres Duos. Wie wir wissen, sind Kanada und die USA ja leicht beeinflussbare ESC-Hochburgen...
Russland:
Den Abschluss unserer diesjährigen Song-Contest-Safari macht Anastasia Prikhodko mit Mamo (Mama). Fast könnte man denken, dass die Sängerin die berühmte "Ich singe über Mama"-Karte spielt, um ihren schlechten Ruf in ihrer Heimat loszuwerden. Als ihre Karrie noch in den Kinderschuhen steckte und sie noch Kandidatin bei Star Factory war, sagte sie, sie könne weder "Chinesen noch Schwarze" leiden. Sie entschuldigte sich, jetzt singt sie artig eine Hymne an Mutter.
Ich find das Lied ereignislos, und rechne mit einem mittleren Endergebnis. Aber wer weiß, ob der lokale Promibonus ein paar gute Bewertungen aus Russlands Umgebung provoziert...
So. Das war's! Wir sind miese Lieder, unbedeutende Lieder, gute Lieder und viel mittelmäßiges Zeug durchlaufen und bald guibt's das ganze nochmal im Fernsehen zu hören, wenn sich große Teile Europas wieder dem bunten Liedertrubel namens Eurovision Song Contest hingeben.
Dann wird das ganze sowieso erst richtig spannend. Denn die Show zählt beim Song Contest sowieso mindestens das doppelte, als die Lieder ganz allein, losgelöst und ratz-fatz bewertet.
Und in zwei, drei Wochen verstummt alles wieder. Es sei denn, wir erleben im Finale eine musikalische Sensation. Doch das wird nicht vorkommen... Und das will ich auch gar nicht. Die beschauliche Bedeutsamkeit gehört mittlerweile doch irgendwie dazu...
1 Kommentare:
Tja, wir werden sehen was der Wettbewerb bringt, vielleicht gewinnt mal wieder jemand der es überhaupt nicht erwartet.
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