Mittwoch, 11. Februar 2009

Tintenherz - Ist Sir Donnerbolds Herz etwa blau schwarz wie Tinte?

Achtung! Diese Rezension fällt aus dem typischen Schema auf dieser Seite und ist mehr als ein inbrünstig geschriebener Kommentar zu verstehen. Außerdem enthält dieser Artikel ungezählte Spoiler über Tintenherz!

Wäre ich noch bei Sinnen, würde ich diesen Artikel gar nicht veröffentlichen, schließlich ist Tintenherz eines der erfolgreichsten Werke deutschsprachiger Jugendliteratur, das in den letzten Jahren über die Ladentheken gewandert ist. Mehr noch: Es ist zudem noch außerordentlich beliebt! Viele der jungen, jung gebliebenen und großen Leserinnen und Leser von Tintenherz finden den Auftakt zu Cornelia Funkes Tintenwelt-Trilogie nicht nur sehr gut, sie vereinnahmten dieses Buch und schlossen es in ihr Herz.

Und schlappe sechs Jahre nach Ersterscheinung des Buchs kommt da Sir Donnerbold angetrampelt und verfasst eine Rezension / einen Kommentar mit weitaus weniger positivem Gesamttenor, wie es Frau Funke bisher gewohnt sein sollte. Was erdreistet der sich?

Vergibt mir... Ich fang' auch gleich zu schnurren an...

Deshalb gleich Mal die große Entschuldigung vorraus: Nein, ich finde Tintenherz nicht schlecht. Ganz nüchtern betrachtet gefiel es mir recht gut. Normalerweise würde deshalb an dieser Stelle auch eine recht positiv gestimmte Rezension folgen. Im Falle von Tintenherz sind jedoch die Gründe, wieso ich es bloß "recht gut" finde so komplexer Natur (und zudem für mich als Verfasser dieses Textes so leicht von der Hand gehend), dass ich es nur richtig finde auch ausführlicher darauf einzugehen, so dass ihr, liebe Leser, sie auch nachvollziehen könnt. Hinzu kommt, dass ich einfach vermute, dass diese etwas andere Herangehensweise für euch interessanter sein wird. (Noch) eine normale Durchschnittsrezension von Tintenherz braucht ihr ja nicht wirklich, oder?

Eine letzte Warnung noch, bevor ich loslege: Ich erkläre nicht nur, weshalb das Buch mir nicht so sehr gefällt wie es mir laut der allgemeinen Meinung gefallen müsste, ich erkläre auch, weshalb ich einfach nur meine Meinung zu Tintenherz habe - und keinerlei weitere, tiefergehende Beziehung zu diesem Werk. Denn zwischen "gut finden" und "sehr gut finden und lieben" gibt es einen größeren Unterschied als die bloße Benotung...

Zunächst ist da die unreflektierte, ohne jeglichen Anflug von Ironie geborchene Vernarretei in Bücher, die Tintenherz ausmacht. Es gibt in unserer postmodernen Zeit viele Werke über ihr eigenes Medium. Filme über Filme, Theaterstücke über Theaterstücke, Musik über Musik und auch Bücher über Bücher. Das ist ja völlig okay, doch wenn das eigene Medium oder Genre in der Handlung zum ein und alles wird, läuft man Gefahr penetrant zu wirken. Und das hat Cornelia Funke mit Pauken, Trompeten und fliehenden Fahnen (natürlich mit Buchaufdruck) geschafft.
Manchen mag es nicht stören, doch bei solchen langen, ausschweifenden und ohne jeglichen Blick über den Tellerrand getätigten, lauten und triefenden Liebeserklärungen an die Kunst, die man gerade selbst schafft brauche ich einfach eine ironische Brechung, die klar macht, dass Bücher / Filme / Videospiele /Wasauchimmer nicht unbedingt das einzig wichtige auf der Welt sind, und dass es auch andere gute Künste bzw. Medien gibt.

Vielleicht spricht da das untreue Medienkind aus mir, das sich (trotz größter Leidenschaft für den Film) keinem Medium verschließt und alle verteidigt, wenn irgendwelche Kritiker ankommen. Aber diese fast schon propagandistische "Bücher, Bücher, Bücher, ohhh, Bücher über alles"-Haltung Funkes verhindert einfach, dass ich gut über dieses Buch fühlen kann. Rein rational wird Tintenherz für mich nicht abgeschwächt, doch dass ich es für mich einvernehmen kann ist durch diesen vorgeschobenen Riegel unmöglich geworden.

Um meine Ansicht zu erläutern, benötigt es sicherlich eines Beispiels. Nehmen wir einfach Mal etwas offensichtlicheres, um es zu vereinfachen: Tarantinos und Rodriguez' Grindhouse ist eine Liebeserklärung an Action- und Thrillerschundfilme vergangener Dekaden. Die zwei befreundeten Regisseure feiern dieses Genre, indem sie selbst einen Vertreter dieser Genres hinpflanzen und in ihrer Hingebung für diese Form des Kinos schwelgen. Doch sie zwinkern dabei mit dem Auge, ziehen das, was sie lieben, stellenweise auch gehörig und fies grinsend in den Dreck.
Dadurch wird Grindhouse für mich erst zum Highlight - wäre es nur ein "Ach, wäre alles so, und ohh, wie toll im Schundkino alles ist", würde ich völlig entnervt die Flucht ergreifen.

Natürlich ist sorgfältig geschriebene Literatur im Gegensatz zum Schundkino nichts, das in den Dreck gezogen werden soll, und die Zielgruppe Funkes ist auch jünger als die Tarantinos. Trotzdem wünsche ich mir, wenn ich das Werk nicht nur einschätzen, sondern für mich selber entdecken soll, eine Differenzierung. Die Hauptfiguren haben nur ihre Bücher, es geht ihnen gut und immer wieder schwärmen die Protagonistin Meggie und der Erzähler von der Magie der Bücher. Das ist schön und gut, verkommt auf den über 500 Seiten aber irgendwann zu einer Art Tourismuswerbung für ein zu Unrecht von der Jugend übersehenes Medium. Ich will aber keine 500 Seiten Werbung lesen... Und deshalb benötige ich ein Augenzwinkern, oder wenigstens ein verschmitztes Lächeln, dass die in Tintenherz immer weiter ausufernden Liebeserklärungen und Lobeshymnen, gewissermaßen das Eigenlob Funkes (haha, ich schreibe fantasievolle Jugendbücher, in denen es um fantasievolle Jugendbücher geht!), leicht verzerrt, ohne die lobenswerte Grundaussage (Literatur ist nicht tot!) zu negieren.

Es ist mir fast peinlich, es als lobenswertes Beispiel anzubringen, aber Kenny Ortega schaffte mit High School Musical 3: Senior Year eine solche Ironiespritze in einem Film, dessen Kernzielgruppe nicht viel älter sein sollte, als die von Tintenherz. In dem Musical namens High School Musical 3 kommen Teenager vor, die ein Musical auf die Bühne bringen wollen. Darunter auch ein Geschwisterpaar, dessen größte Leidenschaft Musicals sind und auch davon träumt, Musicaldarsteller am Broadway, der berühmten Musicalmeile in New York, zu werden. Recht früh im Film kommt ein Musicalsong vor, der in seiner Dramaturgie und seinem Inszenierungsstil Tribut an Filmmusicals und Bühnenmusicals zollt.

Allerdings sind dessen Interpreten auch die verschrobensten Figuren im gesamten Film, und das Lied steigert sich so sehr in seiner Liebe zu Musicals hinein, dass es irgendwann zum Wahnwitz verkommt. Und die Darsteller legen dabei einen eindeutig zweideutigen Blick in die Kamera hin, der klar macht: "Okay, wir übertreiben mit unserer Liebe für Musicals, wir wissen es. Genau deshalb machen wir das hier ja auch."

Auf der anderen Seite aber das Jugendbuch Tintenherz, über einen Buchbinder und dessen in Bücher vernarrte Tochter, die liebend gerne Bücher liest, Bücher sammelt, überallhin Bücher mitnimmt und deren Mutter in einem Buch namens Tintenherz gefangen ist. Denn die Macht der Fantasie, des Vorlesens und des guten Schreibens (von Büchern) ist unvorstellbar -vor allem wenn unser geliebter Buchbinder sie vorliest. Oder dessen Tochter. Denn die Zwei können Leute aus Büchern hinauslesen. Mit von der Partie ist übrigens noch die Tante Elinor, die noch mehr in Bücher vernarrt ist als Meggie und ihr Bücher bindender Vater Mo. Ihr gesamtes Haus besteht aus Büchern und Bücherregalen...

Ich höre ja schon auf...
Worauf ich damit aber hinaus will: Liebeserklärungen an eine Kunstform sind schön. Geschichten, die nichts anderes als eine große, lange Liebeserklärung sind, können auch schön sein. Doch irgendwo ist eine unsichtbare Grenze, und ich, der findet dass unsere Gesellschaft sich am besten in der Meidenwelt zu Recht fände, wenn sie lernt mit allen Medien umzugehen, benötige hinter dieser Grenze eine ironische Brechung, also dann, wenn eine Kunstform oder ein Medium genügend in den Himmel gelobt wurde.

Wie gesagt, ich weiß, dass ich das nun alles zu einer kleinen Staatskrise hinaufbeschwörte, doch es ist nunmal eine Leistung, wenn ich ein Buch (oder ein Film, Comic, eine Serie oder wasauchimmer), das ich an sich gut finde, nicht wirklich mögen kann und es sozusagen nur in meinem Kopf eine gute Note bekommt, abgehakt und nicht nochmal hervorgekramt wird. Da Suche ich halt nach dem Grund -und bei Tintenherz ist es so offensichtlich, dass es mich einfach ärgert.

Vor allem, weil diese fast schon blinde Literaturzentrik noch weitreichendere Folgen hat, als die oben beschriebene. Aufgrund der mangelnden ironischen Brechung lehne ich Tintenherz trotz einiger Stärken unterbewusst ab, eine andere Sache aber drückt das qualitative Potential dieses Buchs enorm: Die Hauptfigur Meggie.

Funke wollte unbedingt ein (im Reich der Fantasie angesiedeltes) Buch über Bücher... und übertreibt das so sehr, dass sie ihre Hauptfigur nahezu jeglicher Form von Charakteristika beraubt. Meggie ist eine absolut flache Figur - sie ist nichtmal zweidimensional, sie ist absolut eindimensional. Und in einer Geschichte, die davon handelt, wie fiktive Charaktere zum Leben erweckt und zu richtigen, dreidimensionalen, realen Menschen werden, finde ich das einen gelinde gesagt erbärmlichen Patzer.

Bei Meggie benötige ich nichtmal den vorhin beschworenen ironischen Bruch, den kann meinetwegen der Erzähler oder irgendeine Nebenfigur haben - Meggie brauch einfach nur so etwas wie... einen eigenen Charakter.

Man könnte ja nichtmal sagen, "okay, Funke ist wer, der sich mit dem Plot auskennt, aber austauschbare Figuren verwendet", sei es absichtlich um die Handlung in den Vordergrund zu rücken oder aus einer simplen Talentlosigkeit in diesem Bereich, die durch andere Stärken ausgeglichen wird, oder "Hey, es ist ein Kinderbuch, was erwartest du?", nein... In Tintenherz gibt es durchaus gelungene Figuren. Zwar werden sie in der Literaturgeschichte stets im Schatten der eigentlichen Story stehen, aber Charme oder Mitgefühl wissen sie zu wecken. Nur Meggie nicht. Hatte Funke plötzlich keine Lust mehr, oder ist Meggie wirklich ein Opfer des "Bücherwahns" dieser Handlung geworden?

Warum auch immer Meggie so platt ist, es ärgerte mich während der Lektüre geradezu. So sehr, dass ich beim Lesen stellenweise das Buch aus der Hand legen und wütend aufschnauben musste und mir wünschte, dass Kinderbuchautoren endlich Mal von dem Irrglauben runterkommen, dass in einem Buch für Kinder/Jugendliche auch die eigene Zielgruppe der Held sein muss.
Meggies Vater Mo wäre als zentrale Figur der Geschichte so viel besser... Der ist nämlich völlig durchdacht, hat seine Schattenseiten und Glanzpunkte im Charakter und ist eine sympatische Figur: Ein junger liebevoller Mann, der seine Leidenschaft zum Beruf machte, sich allein tapfer um seine Tochter kümmert, seine Frau über alles liebt und sie wahnsinnig vermisst, aber versucht das dunkle Geheimnis um deren Verschwinden vor seiner Tochter zu bewahren (in der Hoffnung diese zu beschützen). Und halt rein zufällig so gut vorlesen kann, dass er Bücher zum Leben erwecken kann.

Das ist ein netter Charakter, von dem wollte ich mehr lesen. Gut, mit ihm hat Funke die Welt der unfreiwilligen Helden nicht neu erfunden, doch er ist ausgeprägt und charmant genug um die Handlung zu tragen ohne von ihr erdrückt zu werden. Die Vorstellung, wie Mo völlig verblüfft mit einem Schwert die gerade zum Leben erwachten Tintenherz-Figuren aus dem Haus zu scheuchen, und dabei nur obsiegt, weil diese noch völlig geschockt von der Transportation in unsere Welt sind, fiel mir völlig leicht und ich malte sie mir gerne aus - ich hatte auch eine gute Grundlage. So oft man solche Charakter auch schon erlebt haben mag... Sie sind immer wieder willkommen. Und, ich kann es nicht oft genug wiederholen, diese Figur hat wenigstens Charakter!

Meggie dagegen... Meggie ist Mos Tochter. Liest ebenso gerne wie er. Sie liest bei Kerzenlicht. Und sie schnallt erst im Verlaufe des Buches, dass ihr Vater seine Frau / ihre Mutter wirklich sehr vermisst. Wow, sie ist nicht nur ein helles Kind, sie ist auch... äh... Ich kann nichtmal sagen, dass sie einseitig ist, weil der Erzähler zu keinem Zeitpunkt sagt, dass Meggies Leben nur aus Büchern besteht. Meggies Persönlichkeit und restliches Leben wurde einfach völlig weggelassen.
Anders gesagt: Sie ist eine unfertige Figur. Sie wurde nicht zu Ende definiert.

Wäre es mir nicht zu sehr darum gelegen, dass Mo endlich glücklich mit seiner Frau vereint ist und sein Gewissen, ihr, das Leben seiner Tochter und sein eigenes Leben durch lautes Vorlesen für immer zerstört zu haben, würde ich glatt sagen, dass sie die Wiedervereinigung mit ihrer Mutter gar nicht verdient hat. Sie hat ihre Mutter nicht großartig vermisst und ja, man könnte sagen, dass sie auf Mo sogar sauer war, dass ihm noch immer etwas an seiner großen Liebe lag.

Aber nein, das Kind wird natürlich mit seiner Mutter zusammengebracht, egal ob es ihm darum ging oder nicht. Während Mo immer wieder versucht seine Frau aus Tintenherz herauszulesen und mit seiner Hartknäckigkeit auch für die finale und funktionierende Idee eines umgeschriebenen Tintenherzes verantwortlich ist, mäckelt Meggie nur rum, er solle die Geschichte doch endlich ruhen lassen. Dann aber fröhlich rumtänzeln, wenn Mami wieder da ist...
[Achtung, Spoiler für die Fortsetzungen]


Achja, und erst am Dad rumjammern, er soll Tintenherz vergessen, danach aber doch in die Welt dieser Geschichte für immer eintauchen wollen... Das Kind hat den Schuss doch nicht gehört... Oder eher die Autorin... Vater macht alles, aber um Meggie soll sich unser ganzes Interesse drehen...


[/Spoiler]

Eigentlich ist Meggie als Figur völlig egal, doch wenn man die (fehlende) werkimmanente Charakterisierung im Kopf mit der aus der Geschichte gelösten Analyse verknüpft und überlegt, welche Figur halt noch im Mittelpunkt stehen könnte, staut sich bei mir auch eine bittre, flammende Abneigung gegenüber Meggie auf. Dass die Positionierung Meggies im Mittelpunkt auch noch übel nach kühler Berechnung der Autorin riecht, will ich netterweise fallen lassen. Eine weibliche Jugendbuchautorin, deren vornehmliche Zielgruppe Mädchen sind, schreibt ein Buch, in dem ein Mädchen vorkommt, das ungefähr in dem Alter der Leserinnen ist und gerne Bücher liest? Sie muss die Heldin sein! Und natürlich kann sie auch besser vorlesen /rauslesen / zauberzüngeln (nennt es, wie ihr es wollt) als ihr Vater. Weil kleine Mädchen ja immer besser sind als ihre Daddys... Ohja, das wird den Kindern gefallen, wenn sie das lesen...!

Genau so sah ich beim Schreiben dieser Zeilen aus... (Foto nachgestellt)


Sorry, ich wollte es ja nicht anbringen...
Also, wenn ich die Überlegung, dass der herzensgute und immerhin mit einer Persönlichkeit ausgestattete Mo der zentrale Charakter von Tintenherz hätte sein können, und die Anschuldigungen kühler Berechnung bei Seite gelegt, bleibt eine vollkommen flache Hauptfigur über. Ich kann ja mit handlungs- und figurengetriebenen Geschichten gleichermaßen leben, allerdings verlange ich in beiden Fällen wenigstens einen Hauch von Charakterisierung bei meinen Protagonisten.
Und Meggie hat nichts dergleichen. Ich brauche ja keine Erklärung, warum sie so viel liest, ich will einfach nur noch andere Infos über diese Figur haben, damit sie mehr ist als ein kleines Stück Papier mit der Notiz "Sie liest. Und ist am Ende in Sachen Magie besser als ihr Vater.".

Wie ist sie in der Schule, hat sie neben Büchern andere Interessen (ach kommt... jeder interessiert sich für mehr als eine einzige Sache...), ist sie in irgendwen verknallt oder ist sie noch in der "Jungs-sind-doof"-Phase, ist sie arrogant, bescheiden, wird sie eines Tages zur Alkoholikerin und landet mit Vaterkomplex auf einer Insel irgendwo im Pazifik, zusamen mit einem übergewichtigen Lottogewinner, einem One-Hit-Wonder, einer Verbrecherin und einer schwarzen Rauchwolke? Ich liiiiiiiiiiiiiiiiiiiebe Lost!

Äh, schon gut, streichen wir den letzten Punkt. Fakt ist, dass wir überhaupt keine Infos über Meggie haben und uns nichtmal aus ihrem Verhalten ein Bild machen können. Wenn sie gegenüber anderen Charakteren agiert, dann sind ihre Schritte so farblos und so sehr auf "kleinster gemeinsamer Nenner aller Leser, die dieses Buch haben könnte" gebürstet, dass sich wirklich nichts in sie hineinlesen lässt.

Und die Ausrede "Somit soll vereinfacht werden, dass sich jeder mit ihr identifiziert" lasse ich nicht gelten. Bei wagen Beschreibungen einer Figur lasse ich es je nach Kontext durchgehen, doch wer möchte sich schon mit jemanden identifizieren, der gar keine nennenswerten Eigenschaften (Bücher lesen ist keine Eigenschaft, das ist eine Beschäftigung und/ oder Leidenschaft) hat? Okay, selbst wenn man nicht so pingelig ist und sich weigert, mit farblosen Figuren den Platz zu tauschen... Zusätzliche Farbtupfer in Meggies Wesen hätten nun wirklich niemanden davon abgehalten Tintenherz zu lesen.

Zumal es doch auch gute Möglichkeiten gäbe, die ein vorhandener Charakter in dem leeren Buch namens Meggie eröffnet hätte. Sie könnte ja eine Leidenschaft für's Feuer haben - fast vermutet man, dieser Funke hätte bei Funke auch gezündet, schließlich liest sie gerne bei Kerzenlicht. Das war es aber schon...
Hätte sie aus der Feuersache was gemacht, und Meggie Feuerspielereien als Interesse auf den Leib geschrieben, könnte ihre Beziehung zu Staubfinger auch früher im Text ambivalent werden und an Tiefe gewinnen. Mensch, sie soll ja keine Pyromanin sein. An St. Martin ist sie die einzige, die mit echter Laterne (also mit Kerze) um's Haus läuft statt mit elektrischer Lampe, und an Silvester will sie immer die Raketen anzünden. Das reicht doch schon...

Es hat aber nicht sollen sein. Meggie ist eine völlig austauschbare, seelenlose Figur, bei der sich nur das nötigste rührt (sie ist ja nichtmal wirklich, in der Geschichte seelenlos und ein eiskaltes, gestörtes Kind - das wäre ja auch eine Charakterisierung... wenn auch eine zur Handlung unpassende und unheimliche...). Da kann ich selbst beim besten Willen nicht Tintenherz als Gesamtwerk so gut finden, wie mir Schreibstil und Handlung gefallen.

Vor einer anderen Sache, die bei Tintenherz auffällt, wurde ich sogar vorgewarnt, und anfänglich störte sie mich tatsächlich. Beim Weiterlesen allerdings ließ diese Enttäuschung nach, und schlug sogar ins Gegenteil um: Dass die Bösewichter allesamt harmloser sind als ihr Ruf ist in meinen Augen ein ganz origineller Kniff, den Funke anwendete. Es hebt ihre Schurken von üblichen Kinder- und Jugendbuchschurken ab, und der Gedanke, dass sie vornehmlich davon profitieren, dass schlimm über sie gesprochen wird (und sie ihren gar schröööklichen Ruf selbst durch Feuerschauspiel weiter anheizen) ist ein wirklich spannender Gedanke. Ein wenig passt es auch zum Thema. Die Literaturbösewichter sind nur so böse, wie über sie gesprochen wird...
Gesondert erwähnt werden sollte noch der (in der Tintenherz-Geschichte-in-der-Geschichte) tragische Antiheld Staubfinger, der sich in einem dunklen Grauton zwischen all dem Schwarz- und Weiß-Gemale um ihn herum befindet und wirklich faszinierend ist - bloß nie genügend zum Zug kommt.

Eine Figur, die mir ebenfalls gefiel war die ebenfalls buchvernarrte, barsche Tante Elinor. Die schlechte Köchin hat tief hinter ihrer kalt-keifernden Schale wenigstens so etwas wie einen fürsorglichen Kern und wird wirklich toll beschrieben. Und die Szene, in der sie entdeckt, dass ihre wertvollen Bücher verbrannt wurden ist wohl für jeden Sammler unheimlich nachvollziehbar geraten.

Elinor hat übrigens unter allen Büchern ihre Favoriten, manche Sorten von Büchern und Geschichten mag sie überhaupt nicht. Vor allem aber erscheinen mir ihre Vorlieben auch logisch durchdacht, während ich bei den Lieblingen und weniger gemochten Büchern Meggies immer wieder den Verdacht hatte, dass Funke hier das Dartpfeil-Wurf-Ausschlussverfahren angewendet hat ("Der Buchtitel, auf dem der Pfeil landet, der ist jetzt dran!").

Elinor ist zwar trotz einiger Exzentrik noch nicht wirklich die erhoffte ironische Brechung, wenigstens aber eine gut durchdachte Figur, die für einige vergnügliche Zeilen verantwortlich ist, etwa die Passagen, in der sie ihrer Leidenschaft für tragische, dramatische und düstere Geschichten von Blut, Todschlag und großen ritterlichen Helden fröhnt.

Was man Tintenherz außerdem zu gute halten muss, ist dass die Geschichte fantasiereich und originell geraten ist. Letzteres ist wahrlich eine Leistung, bedenkt man, dass der "Fiktion-erwacht-zum-Leben"-Markt eigentlich mittlerweile völlig abgegrast sein müsste. Ob Bücher, Videospiele, Filme oder gar Brettspiele, alles wurde bereits in verschiedensten Geschichten zur Realität. Kleine Auswahl gefällig? Bitte schön: Die unendliche Geschichte, Das Buch, Schräger als Fiktion, Die Simpsons - Das Spiel, Jumanji, Last Action Hero... Nur um ein paar zu nennen.


Um zum Schluss zu kommen: Immer wieder wird Cornelia Funke von der Presse mit Harry Potter-Autorin J.K. Rowling verglichen, nur um wenige Zeilen später in diesem Vergleich zu verlieren. Doch bei mir darf sich Funke, was nach den obigen Absätzen vielleicht verwundert, endlich einen Sieg feiern. Harry Potter mag ich einfach nicht, ich kann mit dessen Abenteuern schlichtweg gar nichts anfangen. Tintenherz dagegen finde ich gut, eine mir berechnend vorkommende Herangehensweise Funkes, mangelndes Augenzwinkern und eine völlig platte Hauptfigur verhindern jedoch, dass ich das an sich, meiner Meinung nach, wenigstens gute (zu mehr reicht es dann aber auch nicht) Buch auch zu mögen. Ich empfinde auch keine Abneigung - ich ärgere mich bloß, dass Tintenherz es verbockt mir in Herz und Verstand zu gefallen.

2 Kommentare:

Kevin Kyburz hat gesagt…

Jaa, jemand, der meine Meinung teilt :) Band 2 habe ich mir garnicht erst geholt. Lies doch mal Twilight, dann weißt du, dass man Charaktere noch wesentlich weniger charakterisieren kann als hier geschehen. Bella Swan hat weniger menschliches an sich als dieser Edward Cullen :D

Lutz hat gesagt…

Ich teile deine Meinung über Tintenherz teilweise. Ich finde die Story, die erzählt wird, wirklich phantasievoll und spannend aber die Erzählweise geht mir auf den Senkel. Es ist nicht einmal so sehr das Hohelied auf das Lesen, was mich stört, sondern viel mehr die Art und Weise, wie es dargebracht wird. Cornelia Funke quetscht auf jede Seite mindestens eine überzogen blumige Metapher über das Lesen und Bücher hinein und macht das auf eine derart angestrengte und erstaunlich phantasielose Weise, das ich ein paar Mal fast soweit war, das Buch wegzuwerfen. Aber die Geschichte hat mich dann doch dabeigehalten. Meggie empfinde ich nicht ganz so flach wie du. Was mich stört, sind vor allem diese seltsamen halb-englisch, halb-deutschen Namen und der Murx, den Cornelia Funke sich mit dem Ende des letzten Bandes geleistet hat. Antiklimaktischer kann man eine Trilogie kaum enden lassen. Ach so.. Harry Potter mag ich übrigens :-)

Kommentar veröffentlichen