Nicht in der Schule, im Leben lernen wir: Wen interessiert schon die Quadratwurzel aus 1764? Höchstens ein paar Nerds, weiße Mäuse und einen Computer namens "Deep Thought". Schulwissen gibt uns vielleicht eine Allgemeinbildung, doch die Lebensorientierung, die bekommen wir auf der Straße beigebracht. Wo sonst lernt man, dass Gelb in Wahrheit nur Dunkelgrün ist, wenn nicht bei der zeitlich knapp bemessenen Autofahrt? Aber Scherz beiseite: Nicht nur die Straße ist das Klassenzimmer des Lebens.
Überall lernt der Mensch wichtige Fakten über das Leben in unserer Gesellschaft. So lernte ich in einer Dönerbude, dass "Scharf" kein Adjektiv ist, das gut geschliffene Messerklingen oder Speisen mit hohem Chilianteil beschreibt, sondern eine Grundzutat ist ("Mit Scharf?" -"Ja, ich hätte ihn gerne sehr scharf." "Also mit Scharf drauf?!"). Auf mehreren Bahnhöfen lernte ich, dass die Wahrscheinlichkeit einer pünktlichen Ankunft des Zuges steigt, wenn man sich Zuhause zu viel Zeit beim Anziehen lässt. Und an einem malerischen Ufer lernte ich die Geheimnisse fernöstlicher Religionen kennen. Doch dies ist eine gänzlich andere Geschichte und lenkt uns nur vom eigentlichen Thema ab.
In den Zeiten der Telekommunikation stellt freilich auch das Internet einige wichtige Lebenslektionen bereit, die uns mit der harschen Realität in dieser Welt konfrontieren.
Und so wird aus einem naiven kleinen Kind im Laufe der Jahre ein abgebrühter, von der Grausamkeit dieser Welt gebranntmarkter, möglicherweise auch bitterter und zynischer, Erwachsener.
Um diesen Lernprozess fortan beschleunigen zu können, seien sie nun hier versammelt, die Lebenslektionen, die uns das Internet bereitet:
Sex ist überall. Und wenn er nicht direkt vor deiner Nase zu sehen ist (oder gar stattfindet), so wartet er hinter der nächsten Ecke.Laut einer
im April 2008 veröffentlichten Studie, deren Korrektheit ich nicht überprüft habe, weil ich keinen Stift dabei hatte, mit dem ich über die Webseiten dieser Welt Buch führen konnte, enthalten 40% aller Internetangebote pornographische Inhalte, 74 Prozent aller Interneteinnahmen entstehen durch Sex-Angebote und 60% aller Webseiten-Besuche sind sexueller Natur. Rein statistisch müsstet ihr also bevor ihr meinen Blog besucht habt auf einer Sexseite gewesen sein. Es sei denn dieser Blog gilt bereits als sexuell - immerhin habe ich bereits in diesem Artikel bereits mehrfach das Wort "Sex" niedergeschrieben.
Wie dem auch sei, heutzutage erwartet uns überall Sex. Ob in der Werbung, hinter den dünnen Pappwänden unserer Zimmernachbarn oder in Filmen, sei er nun explizit oder angedeutet. War dies allerdings schon immer so (auch wenn die Offensichtlichkeit sexueller Beziehungen in massenkompatiblen Filmen derzeit stärker ist als etwa noch in den 40er Jahren), treibt das Internet wie die vorhin erwähnten Zahlen beweisen den Sex auf eine neue Spitze.
Mensch,
sogar nach Disney-Comicfiguren
benannte Blogs
behandeln das Thema
in schöner Regelmäßigkeit.
Doch wie nahe Sex selbst den unschuldigsten Themen kommen kann, habe ich in einem wagemutigen Selbstversuch herausgefunden. Ich surfte auf den englischen Wikipedia-Artikel über Winnie Puuh, und stellte mir vor, ich sei ein Internet unerfahrenes, wissbegieriges Kind. Ich las mir den Artikel durch und stolperte über den lustig aussehenden Begriff "direct-to-video". Haha, so viele Striche in einem Wort, da klick ich drauf. Nun erklärt mir Wikipedia diesen witzigen Begriff, in dem auch Disney erwähnt wird. Kurz bevor der Artikel auf Disney eingeht, erwähnt der auch das sehr kompliziert aussehende Wort "pornographic". Da es im scheinbaren Zusammenhang mit Disney-DVDs steht und ich es nicht kenne, klicke ich drauf.
Zehn Minuten später lag ich tränenüberströmt im Schoße meiner Mammi und fragte sie, ob ich auch mal sowas machen muss. Und ob das ansteckend sei.
Zwei Klicks von Winnie Puuh entfernt wartete der pure Horror...
Der Härtegrad einer Geduldsprobe wächst proportional zur ErwartungshaltungGut... Jeder weiß, dass die Zeit langsamer verläuft, wenn man wartet. Was aber das Internet anstellt, ist Folter. Man möchte einen Newsartikel öffnen, plötzlich stockt der Browser und Videos, auf die man sich freut, brauchen ewig zum laden. Richtig schlimm war es, als ich mir den Trailer für
Pirates of the Caribbean:
Dead Man's Chest ansehen wollte.
Disney veranstaltete um den heiß ersehnten Trailer ja einen Wettbewerb bei MySpace.com, und der Gewinner würde am ersten Tag exklusiv den Link zum Trailer kriegen und das Recht, ihn überall zu posten. Erst einige Zeit später, bekämen die üblichen Webseiten den Trailer von Disney gestellt.
Anscheinend hat der Gewinner sich an dem Tag aber eine dicke Mütze Schlaf gegönnt, jedenfalls dauerte es erstmal eine halbe Ewigkeit, bis der Trailer irgendwo auftauchte. In diesem Moment stürzten sich tausende von Fans auf diesen einen Link... Überlastung. Zum Laden brauchte der werte Trailer tatsächlich über eine Stunde... Und dann brach meine Internetverbindung zusammen. Ich konnte sie nach viel Gefluche neu starten und entdeckte eine zweite Seite, die mit dem Link gesegnet wurde. Es dauerte etwas weniger, bis der Trailer komplett lud, doch er wollte nicht anspringen... Nochmal eine Stunde später bekam ich den Trailer dann endlich zu sehen... Nach so langem Warten... Und er war großartig. Ich fühlte mich für meine Warterei entlohnt. Ich war zufrieden.
Im Internet findest du Leute, die dir frappierend ähneln. Egal, für wie außergewöhnlich du dich hältst.Der Individualisierungsprozess macht es möglich: Menschen entwickeln sich nach eigenem Gutdünken und ihren Interessen gemäß, so frei und unabhängig von Herkunft, Biographie und Status, wie nur möglich. Doch statt Generationen von unkompatiblen Einzelgängern zu schaffen, entdecken Menschen weiterhin Zusammengehörigkeit. Nur weniger wegen Religion, Heimatort oder Beruf, sondern wegen Interessen.
Abseits des Internets mögen sehr viele noch denken, sie könnten für einzelne Interessen sympatische Gegenparts finden, niemals dagegen für ihre Gesamterscheinung.
Falsch gedacht. Das Internet ist so groß und vernetzt die Welt so eng, dass man sich für noch so einmalig und seltsam zusammengewürfelt halten mag, es gibt irgendwo jemanden der ähnlich, vielleicht sogar genauso ist.
Ob dies als angenehm zu beurteilen ist oder eher als verängstigend, bleibt einem selbst überlassen. Die Beschneidung der Einmaligkeit kann die Ehre kränken, oder einen befreien, neues Zusammengehörigkeitsgefühl aufblühen lassen.
Jeder, wie er mag. Doch eins müssen beide Parteien einsehen. Zynische Optimisten mit Wohltäterdrang, die Kinder hassen und streng katholisch, aber zugleich sexsüchtig sind gibt es genauso wie intelektuelle Filmfans, deren Lieblingsbücher in der Kinderabteilung zu finden sind und Partys lieben, aber große Menschenvorkommen verabscheuen.
Ebenezer Scrooge ist überallWenn man nicht ins Internet geht, denkt man glatt, Weihnachten sei beliebt. Keiner hasst es so wirklich. Manche lieben es abgöttisch, und zwar jedes Detail daran. Andere mögen das Fest, aber zum Beispiel nicht die Lieder. Oder Mutters Festtagsbraten. Und andere haben andere Feiertage lieber (etwa Karneval oder Silvester), genießen dennoch die Festtagsstimmung und die freien Tage.
Ein Blick ins Internet dagegen eröffnet einem eine Parallelwelt, wie man sich Dickens Albträume ausmalen würde. "Weihnachten?! Humbug! Kommerz! Scheinheiliges Gewäsch einer irre gewordenen Sekte! Coca Colas erfolgreichster Marketingtrick! Der Grund warum meine Lieblingsserie ausfällt! Tötet Macaulay Culkin!"
Das letzte ist ja verständlich... Aber sonst? So schwarzseherisch und unreflektiert. Irgendetwas gutes sollte jeder an dem Fest finden können, egal ob man nun an den eigentlichen, christlichen Gedanken glaubt, oder an den allgemeineren Gedanken eines freundlichen Festes mit Geschenken oder auch nur an einen Grund für hübsche Deko. Oder herzhaftes Essen.
Seit es das Internet gibt, weiß ich, dass es eine Schar an Scrooges auf der Welt gibt. Okay, die drei Geister werden deshalb so schnell nicht arbeitslos... Aber ein paar Kollegen mehr könnten sie auch gebrauchen. Damit man um Weihnachten herum auch wieder ins Internet kann...
Parallelgesellschaften existieren bereitsSozialforscher warnen schon immer vor Parallelgesellschaften. Natürlich haben bestimmte Gruppe andere Wissensschwerpunkte, doch wenn eine gesamte zweite Gesellschaft mit anderen Konventionen entsteht, hat es nichts mehr mit berufsspezifischem Wissen, Insidergags oder solchem zu tun.
Im Internet gibt es solche Parallelgesellschaft bereits. Denn der normale Internetbeutzer hat nichts mehr mit dem gemein, der länger durchs Internet tourt und dabei auch amerikanische Internetkultur aufsaugt. Von Außenstehenden schnell beigebrachtem Vokabular wie ROFL zu Idolen und Traditionen einer eigenen Gesellschaft, wie dem Pedobear, den Demotivationals, "This Is Sparta!" und Retro-Gaming-Humor.
Panik muss nicht ausbrechen, schließlich bleibt die andere Gesellschaftsform auf dem Bildschirm. Doch die Unmöglichkeit einer Parallelgesellschaft ist widerlegt.
Das Internet ist riesig, das Leben ist lang und voller lehrreicher Lektionen. Es wäre ein lachhafter Versuch, sämtliche Lektionen die einem das Internet beibringt aufzuzählen.
Vielleicht aber hilft euch dieser Beitrag, die Augen offen zu halten. Wenn das Internet euch etwas beibringen möchte... realisiert es. Wieso? Naja... wieso nicht?
Siehe auch: