Sonntag, 18. Mai 2008

Eurovision 2008 - Das 2. Halbfinale, Startnummern 8 bis 13

Wer im zweiten Halbfinale bislang die Vielfältigkeit oder auch das Fremdschämen vermisst hat, kommt in unserem heutigen Block voll auf seine Kosten. Quer durch die Musikwelt geht es heute. Und auch Peinlichkeiten bleiben uns nicht erspart.

Aber alles schön der Reihe nach. Die Tschechische Republik tritt mit dem Ethnopop-Song "Have Some Fun" an. Gesungen wird er von der 1986 geborenen Sängerin Tereza Kerndlová.
Das Lied ist ziemlich ereignisarm und spult einfach so ab. Keinerlei Ideen oder Aufmerksamkeit erhaschende Mischungen aus Pop und Ethno-Musik lassen den Zuhörer das Lied in Erinnerung behalten. Ein Lied, das beim ESC unter den Tisch fallen wird.


Weißrussland ist da schon interessanter, denn ihr Beitrag auf der Startnummer 9 kommt wirklich unerwartet her. Ruslan Alehno singt den Song "Hasta La Vista", der halbwegs Gothic beginnt, danach aber mehr und mehr zu einem spanisch anmutenden Pop-Song mutiert, der auf englisch gesungen wird. Wieder einmal schöne Multikulti-Aktion, die sich sogar hören lassen kann und zudem wohl auch einige der Zuschauer aufhorchen lässt.

Kommen wir nun also zur Startnummer 10. Auf diesem Platz befindet sich Lettland. Diese Nation nimmt seit 2000 am Eurovision Song Contest teil und hat in diesen wenigen Jahren eine hübsche Berg- und Talfahrt unternommen. Nach der ESC-Premiere Lettlands (die mit der Bronzemedaille gekrönt wurde), ging es 2001 abwärts auf den 18. Platz, nur um im Jahr darauf mit Marie N und dem sommerlichen Song "I wanna" (sowie der originellen Bühnenperformance) auf Platz 1 zu landen.

Im Jahr darauf ging es steil bergab auf den 24. Platz. In den Jahren darauf landete Lettland irgendwo im Mittelfeld, meist mit Tendenz nach unten. Ausnahme war 2005 der fünfte Platz.

Letztes Jahr kam die Band Bonaparti.lv auf den sechzehnten Platz. Dieses Jahr hofft Lettland natürlich auf eine bessere Position und versucht dies mit einem cleveren Schachzug zu erreichen: Sie lassen eine Gruppe von Piraten den ESC entern.

In diesem Blog ist es wohl unnötig zu erwähnen, wie erfolgreich das Piratentum sich in den letzten Jahren in die Popkultur gestürzt hat - die gerissenen Seeräuber erfreuen sich ungebrochener Beliebtheit. Warum also nicht auch mit Piratenmusik bei einem internationalen Musikwettbewerb antreten.

Die Idee ist schon mal keineswegs schlecht. Doch ein Blick auf die Band lässt plötzlich schlimmes befürchten. Die Kostüme erinnern an schlimmsten Karnevalsramsch. Billige Stoffe und peinliche Filzhütte. Anders gesagt: Die quiekig-knatschige Art sich zu verkleiden.
Okay, uninformierte und gehässige Zungen würden nun behaupten, dass sich die Letten halt keine besseren Kostüme leisten können. Doch so ist das natürlich nicht.

Wohlwollend wie ich nun manchmal bin, möchte ich vermuten, dass sich die Band "Pirates of the Sea" vielleicht etwas dabei gedacht hat. Möglicherweise denken sie, dass billige Karnevals-Piraten in knatschig-bunt mehr auffallen und hofft, dass sie deshalb auch Stimmen von denen bekommen, die nicht auf die Musik achten.

Nun... schön wär's. Denn das Lied "Wolves of the Sea" passt perfekt zu den Kostümen. Peinlichster Kinder-Karneval-Dummdödel-Pop, wie er sicherlich auch auf Mallorca einschlagen könnte, hätte die Dame im Trio nur weniger an.
Eine an Idiotie und Einfachheit nicht zu übertrumpfende, nervig eintönig dahergestampfte Uptempo Nummer mit schmerzenden Lyrics und eine zum Kopf-gegen-die-Waffenkammer-schlagen einladende Melodie, die selbst erfahrene Seebären in den Selbstmord treiben könnte.

Das schlimmste: So einfach das Lied auch sein mag... Das Trio singt es auch noch schief!

Naja, kein Wunder. Nur einer der dreien ist "professionell" Sänger, die anderen beiden sind Beruf her Tänzerin und Radiomoderator/Kameramann. Ja... Ein Kameramann und eine Tänzerin singen ein Kleinkinder-Pop-Piratenlied und tragen dabei schäbbig-peinliche Kostüme.
Fehlt nur noch ein Truthahn mit Augenklappe, und der Albtraum ist vollkommen.

Bleibt nur zu hoffen, dass Großbritannien diese Horrorvision mitbekommt und sich deshalb eine Gruppe von schottischen Piraten zum ESC 2009 schickt. Einfach nur um Europa zu zeigen, wie es richtig geht.

Kommen wir lieber so schnell wie möglich zur Startposition 11. Dort erwartet uns Kroatiens diesjähriger Beitrag, dargeboten von Kraljevi Ulice & 75 Cents, einer Truppe von Straßenkünstlern.
Ihr Lied "Romanca" gehört zu den ungewöhnlichsten Titeln dieses Jahres und erinnert an ältere Independent-Filme, die in Osteuropa spielen. Dieses befremdlich altmodisch-nachdenkliche Feeling des Songs, gepaart mit unterschwelliger Lebensfreude wirkt durchaus hypnotisierend, weißt aber dabei keine besonderen musikalischen Qualitäten aus und ist für das normale westeuropäische Gehör einfach nur exotisch. Zwar nicht schlecht, aber für einen Einzug ins Finale bei weitem zu exotisch.

Bulgariens Beitrag, die Nummero 12 im zweiten Halbfinale, ist da schon wesentlich zeitgenössischer, aber auch nicht viel gewöhnlicher.
Denn mit Deep Zone & Balthazar schickten die Bulgaren ein Dance-Floor-Projekt sowie einen national berühmten DJ zum Eurovision Song Contest. Das Werk heißt "DJ, Take Me Away" und ist beim ESC irgendwie ein bisschen fehl am Platze. Es ist keineswegs schlecht, denn es ist die sehr angenehm hörbare Art von Dance-Musik. Kein dumpfes Technogehämmere, sondern einfach nur ein rhythmisches, flottes Stück Tanzmusik. Nicht das, was ich in meiner Freizeit so höre, aber bei weitem nichts worüber ich lästern könnte. Und mir allemal lieber, als was sonst teilweise auf Feten läuft.

Nur ist dieses Lied halt mehr für die Disco geeignet. Für den ESC einfach zu anders. Ein Erfolg wird es kaum.

Beenden möchte ich den heutigen Ausflug in die Musik des ESC 2008 mit Startnummer 13 des zweiten Halbfinales, dem Dänen Simon Mathew, der den in den Strophen stark angejazzten, im Refrain recht normal-poppigen Song "All Night Long" performt und deshalb sicherlich von den deutschen Medien als Roger-Cicero-Rip-Off beschimpft wird. Aber erstens klingt er anders, und zweitens frage ich mich, wieso Dänemark einen Künstler nachahmen sollte, der nichtmal in die Top 15 kam?

Wie auch immer, der dänische Beitrag ist recht gefällig, aber auch unauffällig. Für eine Position im Finale sollte es eng werden.
Mit dieser Einschätzung verabschiede ich euch vom heutigen Block und verweise auf den kommenden Beitrag, bei dem ich den Rest des zweiten Halbfinales einschätzen werde.

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