Mittwoch, 23. April 2008

Eurovision 2008 - Das 1. Halbfinale, Startnummern 9 bis 11

Unter dem Motto "Confluence of Sound" (Zusammenfluss des Tons, oder etwas freier übersetzt: Zusammenkunft der Musik) werden 43 Staaten im Mai dieses Jahres antreten und weit über ihre Grenzen hinaus je ein Lied erklingen lassen.


Töne, die sich vereinen. Mit Donald Duck. Der wirklich nichts mit dem Eurovision Song Contest zu tun hat. Warum sollte er auch?

Bereits jetzt, nach nur acht Songs die ich innerhalb dieser Artikelreihe besprach, wissen wir jedoch, dass so manche Töne eigentlich gar nicht dazu geeignet sind die Grenzen eines Landes zu verlassen. Geschweige denn in alle Welt hinaus übertragen zu werden.

Dabei haben wir bislang nur den Gipfel des Eisbergs angekratzt. Aber alles schön der Reihe nach.

Die Starnummer 9 wurde von Norwegen ergattert. Unsere Freunde im hohen Norden entsenden eine Dame namens Maria nach Belgrad. Ihr Lied "Hold On Be Strong" ist nicht weiter der Rede wert. Wer weiß, dass Maria Teilnehmerin von "Pop Idol" in Norwegen ("Norwegen sucht den Superstar") war, kann sich denken wie das Lied klingt. Wie "Take Me Tonight" ohne peinliche Übersetzung und aalglattem Gesülze oder über-theatralischen Gesten. Wie diese zigtausendfach in Castings "gesungenen" Lieder namens "I Will Always Love You", "I'll Be Missing You" und "Because of you". Nur mit einem leichten Touch von südländischem Temperament in der Stimme.

Und schon allein dieses Paradoxon (eine Norwegerin mit südländischer Stimme) könnte am 24. Mai für eine Topposition Norwegens sorgen. Wird es aber höchst wahrscheinlich doch nicht.

Das zehnte Lied des Contests stammt aus Polen, heißt "For Life" und wird von der Ledertasche, äh, sonnenbankgebräunten, äh, gut durchgetoasteten Sängerin Isis Gee dargeboten.
Angeblich ist das langweilige und komplett antiklimatische Lied englischsprachig, doch da Mademoiselle beim singen den Mund nicht richtig aufbekommt, versteht man kaum was. Der Song könnte also genauso gut auf Rätoromanisch verfasst worden sein. Ich würde den Unterschied nicht bemerken.

Kleine Notiz am Rande. Mit einer Dauer von 2:59 Minuten ist "For Life" gerade noch im erlaubten Rahmen dieses Contests. Laut den offiziellen Statuten darf nämlich kein Wettbewerbsbeitrag die Grenze von exakt 3 Minuten überschreiten.

Kommen wir nun aber zum lang erwarteten und heiß ersehnten elften Beitrag. Mit der Schnapszahl Elf geht keine geringere Nation als Irland an den Staat.
Irland ist mit sieben Gewinnertiteln zwischen 1970 und 1996 das Land mit den häufigsten Siegen beim Eurovision Song Contest. Somit hat Irland auch die stolzeste Tradition bei diesem alljährlichen Schaulaufen der musikalischen Ergüsse.

Irland - das Land aus dem Trolle, Kobolde, gute Butter, Baileys und Guinness kommen.
Das Land der fröhlichen Raufbolde, der heiteren Fidelmusik, Stepptanz, vierblättrigen Kleeblättern und Colin Farrell.

Nach einem katastrophalen 24. Platz beim letztjährigen ESC muss die grüne Insel ihren Ruf wieder herstellen. Um diese stolze, aber auch herbe Aufgabe zu bewältigen, entsanden die Iren eine nationale Größe. Einen TV-Star mit Gesangserfahrung und politischen Ambitionen!





Einen... Truthahn.

Trotz heftiger Buhrufe im Publikum gewann Dustin the Turkey die Vorentscheidung in Irland. Und somit vertritt eine Puppe die grüne Insel beim diesjährigen Song Contest. Dana Scallon (die 1970 den Titel nach Irland holte) gab öffentlich bekannt, dass sie diese Entscheidung verurteilt und findet, dass Irland besser dran wäre vom Contest zurückzutreten als den Truthahn nach Belgrad zu schicken.
Die Wettbüros geben ihm indes eine 5:1-Chance auf den Sieg.

Im Grunde genommen ist die Entscheidung eine Puppe zu wählen gar nicht Mal so schlimm. Ein bisschen Comedy schadet der Veranstaltung eh nicht. Ob Stefan Raab, Guildo Horn oder LT United, den Eurovision Song Contest auf die Schippe nehmen ist nichts schlimmes.

Der Humor muss nur witzig sein. Und hier wird es schwierig. Wer den Text nicht versteht, weil er zu schnell ist oder in einer fremden Sprache verfasst wurde muss die Komik trotzdem bemerken.
Das klappt bei manchen Performern, bei anderen weniger.

Gut, Dustin hat einen Vorteil. Er ist eine Puppe. Wenn eine Puppe singt, muss es ja witzig sein, oder? Das beste ist: Es ist auch wirklich witzig. Die Lyrics von "Irelande Douze Points" beweist viel Witz und Ironie, nimmt die Punkteschieberei-Diskussionen und Irland auf die Schippe (Sorry for Riverdance!), treibt die Internationalität des Liedes absichtlich in alberne Höhen.

Das kann doch gar nicht schief gehen. Oder? ODER?!
Überlegt Mal... Puppen (und Comicfiguren) die singen... Mit netten bis witzigen Texten.... Woran erinnert einen das? Genau! An den Kindertechno der 90er Jahre!

Aber die Iren würden so einen Fehler doch nicht begehen...
Falsch gedacht! Natürlich tun sie es! "Irelande Douze Points" ist nichts anderes als grausigster Eurodance-Trash mit Ohrwurmtendenzen. Die Art von Ohrwurm, die Leute dazu bringt ihren Kopf in Toiletten zu stecken und dann abzudrücken. Die Art von Ohrwurm, die man gern gegen einen Presslufthammer im Großhirn austauschen würde.

Streng nach Schema F "rappt" Dustin the Turkey seinen Text runter, so schnell dass man nichts versteht. Der fette Dubliner Akzent macht das ganze nur noch unerträglicher. Danach singt eine voluminöse Dame mit souligem Stimmumfang einen grenzdebilen Refrain, und weiter geht es mit dem Rappart.

Das ganze wurde über einen Nerven zerfetzenden, billigen Trance-Beat gemischt, der klingt, als sei der PC von dem er stammt vorher von einem LKW gefallen. Von einem LKW, der wiederum von einem größeren LKW gefallen ist.

Ihr kennt so etwas ja.


Dieses Lied macht mit meinem Gehöhrgang, was eine ausgehungerte, sexuell unbefriedigte Bulldogge mit kleineren Pudeldamen macht. Es ist wie das Kratzen auf einer Schultafel, während ein Stachelschwein versucht meine Kehle runterzustiefeln. Ein Stachelschwein, das sich seit drei Tagen nicht gewaschen hat und vorher in einen elektrischen Bleistiftanspitzer gefallen ist.

Und das schlimmste: Dieser Song ist so auffällig, so ohrwurmig und zudem ein Eurodance-Song (in manchen osteuropäischen Staaten ist Eurodance noch immer beliebt und aktuell!)... Ihr könnt euch den Rest denken. Zumal, wenn man bedenkt, dass letztes Jahr sowas auf dem Treppchen landete.



Ich brauche Urlaub! Außerhalb Europas!!!

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