Unten: Einer dieser drei Herren gibt normalerweise kein Trinkgeld

Und obwohl Quentin Tarantino mittlerweile ein gefeierter Kultregisseur ist, schenkt man diesem Eröffnungsdialog von Reservoir Dogs viel zu wenig Beachtung. Während sich die tarantino'schen Theorien über Fußmassagen, leckere Burger und Clark Kent als Kritik an der Menschheit mittlerweile durchgesetzt oder wenigstens herumgesprochen haben, so unterhalten sich meiner Meinung nach viel zu wenig Leute über richtig gute Dienstleistungen.
Ich persönlich bin sicherlich auch kein sehr leichter Kunde. So habe ich des öfteren im Restaurant Sonderwünsche ("Bitte ohne den Eisbergsalat, wenn das möglich ist." - Mensch, das Zeug schmeckt nach nichts und hängt am Gaumen, warum also mitbestellen? Dann lass ich die Hälfte auf dem Teller liegen und das sieht auch unhöflich aus...; "Bitte ohne Zwiebeln, wenn das geht." - Hey, ich habe gleich noch Unterricht und will meine Sitznachbarn nicht betäuben...; usw.), und wenn in der Pizzeria auf der Speisekarte steht "Oder stellen Sie sich Ihre Pizza nach Wahl zusammen", dann stelle ich sie mir auch nach Wahl zusammen.
Und das werde ich so lange machen, bis meine Wunschpizza regulär auf die Speiseekarte kommt. Habt ihr das gelesen, liebe Pizzabäcker? Macht aus meiner Sonderwunschpizza bitte eine Standardpizza!
Wenn ich in Bars oder Kneipen bin, mutiere ich zum notorischen Bierdeckel-Zerknitterer und sobald ein Streuer mit Chilliflocken in meiner Nähe ist, und ich Essen bestellt habe, dann kann sich die Geschäftsleitung öfter schon Mal um eine Neubestellung kümmern.
Und wenn wir in einer der wenigen richtig guten Cocktailbars hier in der Nähe sind, dann bestellen meine Freunde und ich gerne auch mal drei Drinks auf einmal in der Happy Hour (ich gebe zu, diese Unsitte habe ich in meinem Freundeskreis eingeführt). Denn zur fröhlichen Stunde kommt es normalerweise zu solchen Staus im Service, dass man in diesem Rahmen nur einen einzigen Cocktail bekommt. Wenn man aber drei auf einmal bestellt...
Ich weiß, dass solche Dinge den Kellnerinnen und Kellnern sicher öfter Mal nerven könnte. Das gebe ich auch zu. Und je nachdem, wie viele Sonderwünsche ich dem Kellner auferlegt habe und wie viele Bierdeckel wegen mir als Pappschnipsel im Mülleimer landeten (nicht auf dem Tisch zerstreut, so dreist bin ich nicht!), kann es passieren, dass ich schon allein aus schlechtem Gewissen mehr Trinkgeld gebe.
Aber trotzdem versuche ich immer ein annehmbarer Kunde zu bleiben. So räume ich in Schnellrestaurants, Autobahn-Gaststätten und in ähnlichen Etablissements immer selber mein Tablett weg. In jedem dieser Läden stehen zig Mülleimer und/oder Tablett-Ständer im Kundenbereich. Das hat ja wohl einen Grund! Mir wurde immer beigebracht, dass man in solchen Fällen auch selber den Müll wegbringen soll. Ich habe das Essen selber an der Theke geholt, da kann ich das Tablett auch selber wieder wegbringen.
Umso erstaunter bin ich jedes Mal, wenn mich die Servicekräfte mit immer größeren Augen ansehen und völlig überrascht ein freudiges "Danke sehr!" entgegenbringen und dann so gucken, als verstünden sie die Welt nicht mehr. Weil ich zwei Meter zum Tablettständer für Kunden gegangen bin.
Macht das außer mir etwa sonst keiner mehr? Anscheinend, wenn man sich die zahlreichen, herrenlosen Tabletts in diesen Läden ansieht, die auf den Tischen herumstehen.
Mir kommt es auch so vor, als gäbe es ein Stadt-/Land-Gefälle im Hinblick auf die Verabschiedung. Wenn ich hier beim Rausgehen zur Kassiererin oder zum Kellner "Schönen Tag noch" sage, kommt meistens nur ein routiniertes "Gleichfalls" zurück. Da kann es auch passieren, dass man die freundliche Verabschiedung vergisst und dann selber mit "Gleichfalls" antwortet, weil die Bedienung schneller war.
Wenn ich aber wieder in Großstädten bin (ich wohne ja Gott sei Dank in der Nähe von mehreren und muss nicht meine gesamte Freizeit in einem Kaff ohne Kino und Bahnhof verbringen), und der Bedienung zuvor komme beim freundlich verabschieden, dann wird aus dem routiniert-gewzungen-freundlichem Lächeln plötzlich ein breites Lächeln und ein herzliches "Danke" kommt entgegen. Und wieso? Sind die Großstadt-Dienstleister nette Kunden nicht gewöhnt, oder wirkt mein Verhalten in Käffern einfach vorhersagbarer?
Ich weiß es nicht, aber ich für meinen Teil finde wenigstens, dass man auch als Kunde "Bitte" und "Danke" sagen sollte. Je mehr ich mit den Dienstleistern als Menschen umgehe, desto mehr darf ich mich auch beschweren, wenn sie ihren Job einmal nicht richtig machen... ;-)
Natürlich kommt es bei mir auch vor, dass ich was hektisch bin oder entnervt. Da sind die Bedienungen im Buchgeschäft, der Einsortierer bei Media Markt und die hübsche Kellnerin, die ein für sie viel zu schweres Tablett tragen muss, weil wir schon wieder insgesamt zehn Cocktails für drei Leute bestellt haben bloß der Weg zum eigenen Willen. Aber das ist doch menschlich - allerdings ist es genauso menschlich, wenigstens eine kurze Höflichkeit wie "Danke!" zu geben, wenn man gerade nicht über die eigene schlechte Laune stolpert.
Der Lohn kommt sofort. Ist man nett zur Bedienung, wird man auch nett bedient. Und vielleicht bin ich auch verrückt, aber es ist einfach richtig interessant, wenn man mitten in der Nacht mit ein paar Freunden in der Bar sitzt und der unterbeschäftigte Kellner (wir sind ja die letzten Gäste) einem erklärt, warum er dieses und jenes Getränk besonders gerne ausschenkt. Oder wenn sich der Barkeeper über seinen Chef auslässt.
Ein paar besonders redselige Dienstleister werde ich so schnell nicht mehr vergessen - und je mehr Erinnerungen man an seine schöne Freizeit zwischen Unistress und Lernfrust (oder umgekehrt) hat, um so schöner ist es doch.
So waren wir letztes Jahr in den Ferien in einem kleinen Programmkino und sind danach zum Subway gegenüber gegangen. Wir waren die einzigen Gäste und als ich dran kam, fiel der Ofen aus. Würde aber nicht lange dauern, meinte der Kerl hinter der Gemüsetheke. Nach wenigen Sekunden peinlichem Schweigen ("Mensch, jetzt steh ich hier und muss warten, bis der Ofen angeht...") entschuldigte sich die Bedienung nochmal, das sei noch nie passiert. Ich winke verzeihend ab und bemerke, dass ich ja Zeit habe und er ja wohl auch, gäbe ja kein Kundengedrängel. Es folgte ein Dialog über nervige Gäste, den doofen Ofen und das schrecklichste, was man bei Subway bestellen könnte:
Ich: *wartend durch die Luft guck und Speisekarte durchles* "Es gibt ALLE Subs auch als Salat?!"
Er: "Ja... leider..."
Ich: "Wieso leider?"
Er: "Naja... ALLE Subs bedeutet, dass es auch das Meatball als Salat gibt. Und sie glauben nicht, wieviele Kunden kommen, und das bestellen. Ich musste allein heute drei solcher Salate machen. Und das sieht SO eklig aus, wenn die dickflüssige Tomatensoße und die Fleischklößchen auf den Salat geplätscht weden... Und das gibt immer eine Sauerei, wir müssen diesen Kunden dann immer hinterherwischen, wenn sie fertig gegessen haben..."
Das klingt jetzt banal, aber ihr hättet hören müssen, mit welcher Leidenschaft der das erzählt hat. Es war zum brüllen, mitsamt seiner Mimik... Hatte was von Michael Mittermeier.
Ein anderes Mal stimmten wir uns in der kinoeigenen Bar auf die Sondervorstellung ein, als wir unsere Getränke tauschten um die Cocktails zu probieren. Heftig diskutierten wir darüber, wer denn nun den besten Cocktail hat, als der Kellner plötzlich total verwirrt hinter uns stand und ängstlich fragte, ob was nicht stimmen würde. Wir beruhigten ihn, dass wir nur versuchen würden den eigenen Cocktail in den Himmel zu loben und die anderen nieder zu machen. Dann ging der Kellner mit uns die Getränkekarte durch und gab eindeutige Warnungen aus, welche wir auf keinen Fall bestellen sollten. Und weil er sich dabei verquatschte, machte er für unseren Tisch die Happy Hour noch ein paar Minuten länger.
Dann hielt ich letztens nach einer Pokernacht auf dem Weg nach Hause bei McDonalds (ich habe ja keine Alternativen in meiner Nähe) und wurde dann freundlichst von der gerade Tische abwischenden Bedienung begrüßt. Sie erinnere sich noch daran, wie ich mit ein paar Leuten knapp einen Monat lang in einer anderen Filiale jeden Mittag den größten Tisch des Ladens mit unzähligen Schulbüchern belagert hatte.
Der Grund war folgender: Wir wollten in unseren etwas seltsam verteilten neuen Freistunden in der Vorabi-Phase gemeinsam lernen, doch den meisten Läden in der Nähe der Schule hat es nicht gepasst, das wir nur eine Kleinigkeit bestellten und dann bis zu vier Stunden dablieben. Bei McDonalds durften wir es aber (sogar mit ausdrücklicher Erlaubnis!)
Die Frau erkannte mich und hat gefragt, für welches Fach wir denn nun eigentlich gelernt hätten und ob wir alle durchs Abitur gekommen wären. Außerdem hätte sie Mitleid, dass die Eissorte, die ich in der Zeit damals immer bestellt hätte nun aus dem Programm genommen wurde.
Absolutes Highlight bleibt aber meine zweiter Kinobesuch von "Planet Terror". Während beim Double Feature das Publikum vor Begeisterung aus dem Häuschen war, war hier nun völlig tote Hose. Nur wir saßen breit grinsend in unseren Kinosesseln und ergötzten uns an diesem Film.
Während des Abspanns kam dann der Kinobesitzer rein, und scherzte aufgrund des Chaos ein paar Reihen vor uns, dass er sich selbst nie wieder für die Spätvorstellung einteilen würde. Dann sah er, dass wir noch brav aus unseren Sitzen saßen (das restliche Saal verließ beim Abspann fluchtartig den Saal), legte sein Putzzeug zur Seite, kam zu uns und fragte verwundert:
"Hat denn wenigstens euch der Film gefallen?"
- "Ja, wir fanden ihn klasse!
"Na, immerhin ein paar Leute..."
*fragende Blicke von uns*
"Nun, habt ihr nicht gesehen, wie da während des Films mehrere Leute rausgegangen sind?"
-"Doch, schon, aber da die wieder rein gekommen sind, dachten wir, dass ihnen einfach nur schlecht war. Das eine war ja ne zierliche Frau und die ging während einer der besonders ekligen Szenen ziemlich schnell raus..."
-"Ne, ne, das war anders. Die haben sich beschwert, haben mir richtig die Hölle heiß gemacht. Der Film sei ja völlig abgenutzt, der Ton würde aussetzen, die Farbe wäre falsch eingestellt... Und Sinn würde der Film auch nicht machen. Die wollten ihr Geld zurück. Habt wenigstens ihr den Film verstanden?"
Es folgte ein langes Gespräch darüber, dass wir den Film verstanden hätten, und dass ich von mehreren Fällen gelesen habe, in denen sich die Zuschauer beschwert hätten. Einmal hätte sogar ein Kinobetreiber den Film aus dem Programm genommen, weil er dachte, es würde eine Rolle fehlen und der Verleih hätte gepatzt.
Dieses Gespräch mit dem Kinobesitzer ist immer wieder eine tolle Anekdote, und da frage ich mich, warum man nicht öfter realisiert, dass die Dienstleister auch nur Menschen sind. Man muss ja nicht jedem ein Gespräch aufzwängen, um Gottes Willen. Aber wenn ich manchmal sehe, wie sich die Kunden vor mir aufführen, und darauf bestehen, dass es gefälligst so und so gemacht werden müsste... Da wird mir auch ganz anders.
Obige Beispiele sind natürlich auch nur Ausnahmen. Solche Situationen kommen nur alle paar Wochen vor, denn man hat ja selten gerade alle Zeit der Welt zur Verfügung, und das Personal zufälligerweise auch. Und dann muss man auch noch gerade Lust auf ein Gespräch haben. Häufiger wird sowas sicher auch nicht vorkommen. Aber ich habe daraus die Lehre gezogen, dass man nicht immer gleich davonrennen sollte, wenn man die Leistung erhalten hat, die man haben wollte.Vielleicht lesen das hier ja ein paar im Dienstleistungsgewerbe. Wie sind eure Erfahrungen? Hört ihr so etwas wie ein "Danke" überhaupt noch, oder ist euch das eigentlich egal?
Und was ist mit gesprächigen Gästen, zu Zeiten, in denen gerade eh nichts gemacht werden muss? Als ich in meinem Praktikum Straßeninterviews aufnehmen musste war ich zumindest immer sehr froh, wenn ich zur Abwechslung ein paar nette Worte gehört habe, nachdem das Mikro wieder aus war. Mir fiel die Arbeit dann gleich viel leichter. Und da das (im Höchstfall) einmal alle zwei Tage war, wurde ich auch nicht von meiner Arbeit aufgehalten.
Und um den Kreis in diesem Beitrag zu schließen: Ja, Trinkgeld zu geben, nur weil die Gesellschaft es so will ist auch Schwachsinn. Man darf schon selber entscheiden, wann es angebracht ist. Allerdings sollte man je nach Art des Ladens und je nach Land auch nicht all zu knauserig sein... ;-)
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