Aufrgund des außerordentlichen Kritikerlobs, dem für einen solchen Film extrem hohen Einspielergebnisses und des großen Hypes um Borat sind die Erwartungen an den Nachfolger Brüno entsprechend riesig. Von Brüno wird erwartet, dass er beleidigender, frecher, provokativer und witziger ist, außerdem muss er noch mehr schockierende Reaktionen von Passanten und Interviewpartnern auf Film bannen, mehr Geld einspielen und, je nach Humorvorlieben des Kinogängers, auch noch mehr derben inszenierten Humor wie die Nacktwrestlingszene aus Borat enthalten.
Dass Brüno mit einer FSK-Freigabe ab 16 Jahren versehen wurde, während Borat "bloß" eine (durchaus nicht unumstrittene) Fraigabe ab 12 erhielt, ließ dahingehend schon ein wenig Hoffnung aufkeimen. Tatsächlich könnte Brüno noch schonungsloser geraten sein. Allerdings sollte man sich dafür hüten eine FSK-Freigabe als Gütesiegel zu betrachten, zumal sie genauso gut auch nur eine gesteigerte Direktheit des derben Schock- und Ekelhumors bedeuten könnte, während der Rest des Films harmloser geraten ist.
Selbiges gilt auch für die ursprüngliche US-Freigabe: Die erste Schnittfassung des Films, die der MPAA vorgelegt wurde erhielt ein NC-17, woraufhin der Film auf ein R-Rating runtergeschnitten wurde. Ganz davon abgesehen, dass mittlerweile Gerüchte die Runde machen, dass man
absichtlich eine Version einreichte, von der man überzeugt war, dass sie ein NC-17 erhielte, welches man mittels Kürzungen wieder revidieren wollte, war man sich uneinig, ob man jetzt mit schonungslosem Humor oder noch mehr von bei den Amerikanern so verhasstne Sexspäßen rechnen müsste. Oder beidem.
Als dann bekannt wurde, dass Baron Cohen
auf Anraten der "Gay-Community" Hollywoods seinem Streifen noch ein Finetuning verpasste, machten sich schon erste Zweifel breit, dass der Komiker seine Bissigkeit verloren habe.
Erwartet uns mit Brüno am Ende etwa doch ein zahmes Kätzchen mit gestutzten Krallen anstelle der erhofften, erbarmungslosen Wildkatze?
Wild und feschGlücklicherweise stellen sich sämtliche Bedanken als unnötig heraus.
Brüno legt noch während des Studiologos den mit Techno und Trance angetriebenen Turbo ein und gönnt einem nur höchst selten eine kurze Atempause. Zu Scooters "Nessaja" eröffnet uns der homosexuelle, aus Österreich stammende, extrovertierte Mode- und Trendjournalist seine Heimat und sein Ziel. Genauso wie
Borat mit einigen inszenierten Sketchen und Witzchen begann, um den roten Faden für diese Dokusatiromödie mit Mockumentary-Elementen (oder ist es letztlich eine Mockusatiromödie mit dokumentarischen Elementen?) zu präsentieren, sehen wir zu Beginn von
Brüno den stylischen, hippen und in seiner Heimat natürlich unheimlich populären und bedeutenden Titelcharakter in allerlei absurden, provokanten und das Publikum schnell in "für den Film geeignet" und "ungeeignet" aufteilt. Wer die drastische Schilderung von Brünos ausschweifendem Sexualleben abstoßend findet und dem übertriebenen, sarkastischen Bild, dass der Film von der oberflächlichen "In-Szene" und der Modewelt nichtmal ein Schmunzeln abgewinnen kann, der wird auch bei den späteren, realen Interaktionen zwischen Brüno und der "echten Welt" eher mit der Schulter zucken.
Wer niveaulosem Humor gar nichts abgewinnen kann, muss allerdings nicht schon nach diesem Absatz das Handtuch werfen: Die Charakterisierung Brünos zu Beginn verläuft mit dem selben comichaften Witz und der ironischen Note wie der Anfang von
Borat. Die in aller Seelenruhe ausgespielten, sich immer weiter steigenden Schwulenklischees und Sexwitzchen befinden sich auf einer vergleichbaren Ebene wie Borats Antisemitismus und die überzeichnete Armut seines
Kasachstans (und die ganzen anderen Behauptungen, wie das Land denn so sei). Es ist nicht beleidigend gemeint und der Witz resultiert aus der Übertreibung. Einen Film, in dem ein Schwuler auf Homophobie trifft, mit einer fast schon grotesken Darstellung dessen zu eröffnen, welche Bilder von Homosexualität in den Köpfen von genügend Menschen herumschwebt ist naheliegend, und gerade bei einem so waghalsigen Unterfangen wie
Brüno sogar nahezu notwendig. Selbst wenn es in der radikalen Ausführung, die Baron Cohen wählte sicherlich so manchen potentiellen Zuschauer abschrecken wird.
Ich selbst finde den aberwitzigen Einstieg in
Brüno jedenfalls rasanter und besser durchdacht als die Eröffnung von
Borat. Diese hatte zwar einige großartige Sprüche von Borat zu bieten, jedoch auch unnötigen Leerlauf und Momente ohne jeden "Payoff".
Brüno kommt dagegen schneller zur Sache und liefert gleichbleibend gute Gags in einer viel schnelleren Zeit. Und schon bald ist der rote Faden etabliert: Brüno möchte die Medienwelt erobern und ein weltweiter Star werden. Um sein Ziel zu erlangen, versucht er sich an allerlei verschiedenen Unterfangen. Er pilotiert eine US-Fernsehshow, versucht sich an einem Fotoshooting oder begibt sich ins Charitybusiness, oder, oder, oder...
Da ich nicht mit einer Stoppuhr bewaffnet im Kino saß, kann ich über die Zeit, die der erzählerische Rahmen einnimmt keine faktenbasierte Aussage tätigen, aber gefühlsmäßig ist der rote Faden in
Brüno weniger aufdringlich als noch bei
Borat, wo die "Handlungselemente" gerade bei wiederholten Sichtungen das Tempo leider ziemlich ausbremsten.
Wie wehrt man sich gegen einen Mann mit zwei Dildos?Anders als die Trailer suggerieren besteht nur ein kleiner Teil des Humors in
Brüno aus Situationen, in denen der Titelcharakter seine Umgebung gezielt provoziert oder beleidigt. Solche Momente, die es ebenfalls in
Borat zu sehen gab (etwa sein Gespräch mit einer Feministinnengruppe), dürfen in
Brüno zwar nicht fehlen und unterhalten superb mit Baron Cohens Dreistigkeit und seinem Mut, doch die gezielte Provokation spielt insgesamt eine kleinere Rolle als etwa noch in
Borat. Berechtigte Reaktionen auf berechnete Affronts beschränken sich auf solch herrlich absurde Momente, wie Brünos aus dem Trailer bekannten Talkshowauftritt, in dem er vor einem afro-amerikanischen Studiopublikum behauptet sein schwarzes Adoptivkind "OJ" genannt zu haben und sich ähnliche Dreistigkeiten erlaubt. Hier amüsieren eher Baron Cohens Schauspiel und seine schwarzhumorigen Einfälle, als die (durchaus ebenfalls unterhaltsame) entstehende Randale im Studio. Wie Baron Cohen ohne mit der Wimper zu zucken in seiner Rolle bleibt und ungeniert die Provokationsschraube weiterzieht ist einfach köstlich.
Der Hauptgrund, sich
Brüno im Kino anzusehen, sollte für die meisten allerdings der entlarvende Humor sein, die dokumentarischen Begegnungen zwischen einem aufgedrehten, österreichischen Homosexuellen mit Starambitionen und angeblich normalen Menschen. Der Sexismus, Fremdenhass und ähnliche Missstände, auf die Baron Cohen in
Borat kühl draufhielt waren das große Verkaufsargument dieser Komödie, und erfreulicherweise spielen diese Momente im
Brüno-Humorcocktail die übergeordnete Rolle.
Dabei konzentriert sich
Brüno nicht bloß auf Homophobie, die uns im Laufe des Films selbstverständlich und erwartungsgemäß mehrfach begegnet, sondern lenkt seinen Blick auch auf die rücksichtslose Suche nach Ruhm, die viele Leute antreibt. Wenn beispielsweise Eltern bei Brünos Fotoshootingcasting ohne den leisesten Anflug von Zweifel jede noch so absurde, beleidigende oder den gesunden Beschützerinstinkt weckende Anforderung Brünos abnicken und fröhlich lächelnd bereit sind ihr Kind diesem unverantwortlichen Kerl zu überlassen kann man einfach nicht mehr anders, als vor lauter Schock lauthals aufzulachen.
Die inszenierten bzw. geskripteten Stellen in
Brüno sind quantitativ mit denen von
Borat vergleichbar, vielleicht sind es jetzt dank des lockereren roten Fadens sogar etwas weniger. Dafür haben sie in
Brüno allerdings einen größeren Anteil an den Glanzstellen des Films. Das Finale von
Brüno trieb mir die Lachttränen in die Augen und sollte bei den Oscars geehrt werden (was leider eher unwahrscheinlich ist).
Neu in diesem Cocktail sind gelegentliche Momente, in denen
Brüno weder beleidigend wird, noch Intoleranzen oder erschreckende Meinungen entlarvt, sondern wie die
Versteckte Kamera anmutet, nur in mutig, originell und witzig. Menschen werden in eine absurde Situation gebracht und man darf gespannt sein, wie sie reagieren. In einem der absoluten Highlights von
Brüno, welches aufgrund seiner... naja... sagen wir mal "Fleischigkeit" zweifelsohne auch Mitschuld an der FSK-Freigabe haben wird, wird sogar die Geduld des eigenen Kinopublikums getestet, welches allerdings dank der ersten paar Szenen zumindest ansatzweise vorbereitet ist.
Überhaupt ist die FSK-Freigabe völlig berechtigt und lässt die Zweifel an
Borats Freigabe ab 12 Jahren
im Nachhinein verschwinden.
Brüno ist als Film offensiver, dreister und direkter als sein indirekter Vorläufer. Obwohl die Figur Brüno weniger beleidigend ist und eigentlich nur ein naiver, oberflächlicher, aber ungefährlicher Kerl mit weniger radikalen Ansichten als etwas Borat ist, ist der Film wohl weniger massentauglich, was zusammen mit dem verlorenen Neuheitsfaktor (ein völlig neues Genre ist halt nur einmal völlig neu) höchst wahrscheinlich leider ein niedrigeres Einspielergebnis nach sich ziehen wird.
Und SchlussDa in meiner nähren Umgebung keine Originalversion von
Brüno läuft, musste ich der Synchronfassung eine Chance geben, die sich dann als überraschend gelungen und einfallsreich entpuppte. Brünos Sprecher Markus Pfeiffer klingt im endgültigen Film bei weitem nicht so gekünstelt und übertrieben wie noch im Trailer, außerdem verlieh man Brüno eine charmante und ordentliche Portion Wiener Schmäh.
Fazit:
Brüno hat einen besseren Produktionsstandard als
Borat, verläuft viel rasanter, ist pointierter, offensiver und vielfältiger. Ob man
Borat oder
Brüno bevorzugt, liegt wohl im eigenen Ermessen.
Die Figur des Borats hat mehr Wortwitz, Brüno ist wesentlich schräger und manchmal auch absurd. Ich selbst finde das Gesamtpaket in
Brüno besser - der entlarvende Humor und die total schrägen, Momente ergänzen sich perfekt, Baron Cohen zeigt sich noch mutiger, er geht mit sich selbst viel erbarmungsloser um und die Grenze zwischen naivem und bitterbösem Humor, der Vorführung anderer Leute und absurden Streichen verschwimmt zu einem großen Lachmarathon.
Bloß eins stört mich an
Brüno: Seine Länge. Der Film könnte locker noch einige Minuten
mehr vertragen. Ich hoffe auf eine Unrated-Director's-Cut-Edition mit extra vielen Deleted Scenes!